Der erste Schultag – Schlafen, zocken, hüpfen!

Ohne die Horden von schreienden, tanzenden und amüsiert herumalbernden Kindern, wirkt das Schulgebäude noch deutlich imposanter, größer und einschüchternder als bei meinen vorherigen Besuchen. Ohnehin ließen die pompösen Kuppeln und Säulen eher auf einen Nachbau des Petersdoms als auf eine Schule in der thailändischen Provinz schließen. Zu allem Überdruss bin ich auch noch der einzige Mensch auf weiter Flur, was aber eigentlich  kein all zu großes Wunder ist, haben mich doch Nervosität, Unsicherheit und Selbstzweifel dazu angetrieben, den ausladenden Schulparkplatz dreißig Minuten vor der eigentlichen Zeit zu erreichen. Nach und nach treffen jedoch immer zahlreicher Lehrer an der Schule ein und je mehr meiner zukünftigen Kollegen freundlich grüßend an mir vorbeischlendern, desto stärker weicht meine innere Anspannung einer wachsenden Vorfreude auf das Kommende.

So richtig gut durchstrukturiert und produktiv ist der erste Arbeitstag zunächst nicht. Gelegentlich erreichen Teile des Arbeitsmaterials, der Wochenpläne und hauptsächlich auf Mundpropaganda beruhende Informationen zur Klassenverteilung das Lehrerzimmer. Die restliche Zeit wird von den Kollegen kreativ und eigenverantwortlich gestaltet. Es werden Urlaubserlebnisse ausgetauscht, Höchststände von Handyspielen übertroffen und das Schulsystem verflucht. Mein Sitznachbar zur Linken hat plötzlich aus großen Papptafeln erstelltes Arbeitsmaterial zur Hand. Ich denke noch, jetzt geht es wohl endlich los mit der konstruktiven Unterrichtsvorbereitung, da bemerke ich konsterniert, dass die Pappe zu einem Bett verfremdet wird. Es dauert nicht all zu lange und es ertönen leise doch nicht zu überhörende Schnarchgeräusche aus seiner Ecke.

Angesichts dieser vor Arbeitseifer überschäumenden allgemeinen Stimmung bin ich etwas unsicher, mein eigenes Verhalten betreffend. Einerseits böte sich die freie Zeit wunderbar dazu an mit der Vorbereitung der ersten Unterrichtsstunden zu beginnen. Andererseits lege ich auch keinen gesteigerten Wert darauf schon am allerersten Arbeitstag als unverbesserliche Streberleiche verschrieen zu sein. Ich versuche also einen Mittelweg einzuschlagen und streue in mehr oder weniger konzentrierte Arbeitsphasen, immer wieder auch ostentativ zur Schau gestelltes Spielen mit dem Smartphone ein.

Den unumstrittenen Höhepunkt des Tages stellt die Verteilung der persönlichen Unterrichtspläne dar. Während die Westler die Informationen ihres Arbeitsplans nüchtern bis zynisch zur Kenntnis nehmen, zeichnen sich insbesondere die philippinischen Kolleginnen durch besondere Begeisterung aus. Euphorisch klatschend und hüpfend feiern sie das Erreichen ihrer Wunschkombination und klatschen einander freudestrahlend ab. Laut meinem Plan soll ich von Montags bis Freitags ausschließlich chinesisch unterrichten. Eine gute Idee. Nachdem dieses Versehen glücklicherweise behoben worden ist, studiere auch ich meinen Plan und registriere mit Vergnügen reichlich Freistunden.

Eine Stunde früher als üblich wird mein erster Schultag schließlich mit der Anmerkung beendet, dass es nicht immer so entspannt zugehen werde. Im Großen und Ganzen mit diesem gemütlichem Einstieg zufrieden und gespannt wie es weitergehen wird, mache ich mich auf den Heimweg.

 

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