Den Lehrer im Blut

Ich stehe in einem Modegeschäft in einem Bangkoker Einkaufszentrum. Vor mir vier junge Thais, die scheinbar fasziniert an meinen Lippen kleben, während ich, wild gestikulierend und voller Eifer, versuche ihnen die Grundsätze der deutschen Sprache näher zu bringen.

Wir scheinen das Hier und Jetzt vollkommen hinter uns gelassen zu haben und in völlig neue Rollen geschlüpft zu sein. Ich habe den Körper des Kunden verlassen, der den Laden erneut betreten hatte, in der Absicht in den kurz zuvor erstandenen Gürtel einige Löcher ergänzen zu lassen, nachdem eine kurze Anprobe in einer nach Mango duftenden Toilettenkabine ergeben hatte, dass meine Körpermasse, trotz übermäßigem Konsum thailändischer Köstlichkeiten, immer noch nicht ausreichte, um das zu großzügig bemessene Volumen des Gürtels auszufüllen und habe stattdessen die Rolle eines Deutschlehrers angenommen.

Meine vermeintlichen Schüler wiederum haben ihre alten Identitäten der recht freundlichen, jedoch leicht übermotivierten wie anhänglichen Verkäufer abgelegt und sind zu wissbegierigen Strebern mutiert, die mich durch ihre fundierten Sachfragen nur immer weiter dazu anstacheln, mich vollkommen meiner neuen Rolle hinzugeben. Es hätte wahrlich nicht viel gefehlt und ich hätte wieder angefangen von Wurst essenden Hunden zu schwadronieren.

Entweder die jungen Herrschaften sind wirklich interessiert an meinen Ausführungen und wir haben uns zu fünft in ein Paralleluniversum des Lehrens und Lernens begeben oder sie sind am Ende doch nur ausgebuffte Verkäufer, die durch ihr zur Schau getragenes Interesse zu überdecken versuchen, wie ungeschickt sich ihre Kollegin bei dem Versuch anstellt, den Gürtel durch ein neues Loch etwas enger zu bekommen. Sage und Schreibe fünf mal ist sie davon überzeugt, nun aber die richtige Größe gefunden zu haben und muss sich nach einer wiederholt gescheiterten Anprobe, zunehmend verzweifelt, erneut ans Werk machen.

Von solch kleinen Unterbrechungen lässt sich ein erfahrener Pädagoge, für solch einen scheine ich mich offensichtlich tatsächlich gerade zu halten, doch noch lange nicht aufhalten und ich fahre wenig beeindruckt mit meinem Unterricht fort.

Ich bin mir später gar nicht mehr sicher, wie lange dieses irritierende Schauspiel gedauert haben mag. Waren es nur einige Sekunden, mehrere Minuten oder gar Stunden?

Ich verlasse schließlich, mit einem nun passendem Gürtel im Gepäck, sehr verwirrt und mit schnellen Schritten den Ort des Geschehens. Zwei Erkenntnisse nehme ich aus diesem groteskem Erlebnis mit.

Erstens: Dieses Lehrerding ist wohl tiefer in mir verankert als gedacht und nimmt langsam beunruhigende Ausmaße an.

Zweitens: Unter keinen Umständen werde ich dieses Geschäft noch einmal betreten, all der fabelhaft schönen Hemden und Hosen zum Trotz. Verflucht sei es!

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