Model für drei Tage II

Der große Augenblick war gekommen. Ich stand mit schwarzem Anzug, zitternden Knien und hochrotem Kopf hinter der Bühne und wartete auf das Kommando diese zu erklimmen. Schemenhaft konnte ich die wartenden Zuschauer und eine Reihe von Fotografen und Kameraleute erkennen. Als ich meinen Blick für einen Moment nach oben schwenkte, fürchtete ich kurz einen Herzinfarkt zu bekommen. Denn auf den oberen Etagen standen unzählige Menschen. Wie in einem Theater guckten sie von den Rängen herab und warteten. Worauf? Auf mich! Hilfe!

Doch leider bot sich mir keine Gelegenheit mehr, all die Fluchtpläne, die mir in diesem Moment durch den Kopf schossen, in die Tat umzusetzen. Denn in diesem Augenblick erklang aus dem Hintergrund eine Stimme: „Nüng, song saam (eins, zwei drei)“. Das war das verabredete Signal. Jetzt gab es kein zurück mehr. Es ging los.

Ich nahm also die drei Stufen auf die Bühne, ließ das Schicksal seinen Lauf nehmen und lief los. Erst in die Mitte und dort stehen bleiben. Lächeln. Nach vorne gehen. Stehen bleiben und nicht die Menschen zählen, die dort stehen. Lächeln!  Dann nach links, nach rechts und bitte die Hände wieder aus den Hosentaschen nehmen. Gut so. Jetzt nur noch unallfrei von der Bühne und geschafft. Meine Premiere als Model war geglückt. Ohne Sturz, offene Hose und fliegende Mangos. Das Problem war nur, ich musste da noch mal hoch und zwar bald.

Doch auch die anderen Auftritte verliefen ohne größere Probleme und Komplikationen. Ich verinnerlichte recht schnell den Ablauf der „Show“ und gewöhnte mich an meine neue Aufgabe. Einmal auf der Bühne, entpuppte ich mich als wahre Rampensau. Ich genoss das warme Scheinwerferlicht, absolvierte in gemächlichem Tempo das einstudierte Programm und schaffte es sogar nicht allzu gequält zu lächeln. Ich war für die Bühne geboren, zumindest bildete ich mir das ein.

Es war aber auch einfach eine schöne und ansprechende Veranstaltung, von der ich so ein Teil sein durfte. Unter dem Motto „Creative Fine Arts“ wurden an diversen Ständen künstlerische und kulturelle Produkte verschiedener Museen und Galerien vorgestellt. An jedem Abend, als Höhepunkt, fand eine etwa anderthalbstündige Show statt, in welcher die Produkte präsentiert wurden. Dort zwischen „Khon“-Performances und verschiedenen traditionell gekleideten Trachtengruppen, stolzierte auch ich über die Bühne.

Nachdem die drei Tage vorüber waren fragte mich meine Kollegin, ob ich auch im kommenden Jahr als Model zur Verfügung stehen würde. Ich fürchte ich habe ja gesagt.


Werbeanzeigen

Model für drei Tage I

Ich, ein Model? Auf einem Laufsteg? In einem der größten Einkaufzentren Bangkoks?

Bitte was? Das soll wohl ein Scherz sein. Nicht für alles Geld der Welt!

Doch das war leider weder ein April-, noch ein Septemberscherz und entsprach voll und ganz der Wahrheit. Das Schlimmste war jedoch, ich hatte bereits zugesagt!

Was sollte das ganze? Wie hatte es bloß soweit kommen können? Hatten mich der Schwachsinn und der Größenwahn nun vollständig in ihrer Gewalt?

Es hatte doch alles so harmlos angefangen. Am Tag zuvor hatte mich eine ehemalige Kollegin aus dem National Museum Bangkok gefragt, ob ich ihr nicht bei einer „kleinen Ausstellung“ behilflich sein könnte. Da diese Kollegin mir in der Vergangenheit häufig geholfen hatte und sie der entscheidende Grund war, weshalb ich überhaupt ein Praktikum im National Museum absolvieren konnte, sagte ich ihr ohne weiteres Zögern zu.

Es wäre wohl besser gewesen, wenn ich vor meiner Zusage darauf bestanden hätte, ein paar weitere Einzelheiten über diese Angelegenheit zu erfahren. Denn das, was ich am folgenden Tag über diese Veranstaltung erfuhr, klang doch reichlich abenteuerlich und deckte sich nun wirklich nicht mit dem, was ich unter einer „kleinen Ausstellung“ verstand.

Es mag auch an der ausgesprochenen bierseligen Stimmung am Vortag gelegen haben, dass ich so schnell zugesagt hatte und mir einige Details entgangen waren. Doch ich könnte schwören, dass die Worte Model, Einkaufszentrum und Laufsteg nicht gefallen waren.

Wie auch immer, ich hatte ihr mein Versprechen gegeben und sie verließ sich nun auf mich. Ich konnte sie jetzt nicht mehr im Stich lassen. Ich musste wohl oder übel den Tatsachen ins Auge sehen. Ich würde ein Model sein.

Dennoch war der Gedanke, vor den Augen hunderter Menschen über einen Laufsteg zu stolpern und mich hierbei durch einen Sturz, eine offene Hose oder unglückliche Grimassen, bis auf die Knochen zu blamieren, mir immer noch fremd und zuwider.

Man sollte hierzu wissen, dass ich mit 1.66 m nicht wirklich über ein Gardemaß für Models verfüge und Bier und gutem Essen durchaus zugeneigt bin. Somit hätte ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein mal ein Model sein würde jederzeit ins Reich der Fabeln verwiesen und für in etwa so realistisch betrachtet, wie dass die FDP den nächsten Bundeskanzler stellt, oder sich Hannover 96 den Champions Leaugue Titel sichern kann.

Eine Woche vor diesem Spektakel zeigte mir meine Kollegin die Schmuck-, Krawatten- und Tuchkollektion, die ihr Museum hergestellt hatte. Diese enthielten zum Teil in Vergessenheit geratene antike Muster und Symbole der thailändischen Mythologie und Kultur. Es waren wirklich schöne Stücke. Ich war also sehr damit einverstanden, dass diese Kunstwerke der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Nur musste das ausgerechnet durch mich geschehen?

Wie entwickelte sich diese Geschichte wohl weiter? Konnte ich die an mich gestellten Erwartungen erfüllen?

Wurde ich von enttäuschten und aufgebrachten Thais von der Bühne gebuht und mit überreifen Mangos beworfen? Oder wurde ich zum gefeierten Helden, um den sich nach der Show die Agenten der großen Fernsehsender und Modelagenturen stritten?

All das und noch viel mehr im zweiten Teil dieser fast unglaublichen Geschichte…