Vertretungsstunde Sport

Wenn ich für gewöhnlich einen Klassenraum betrete, muss ich mich zunächst durch Horden herum tollender Schüler hindurchkämpfen. Habe ich das Pult schließlich erreicht, dauert es mindestens zwei Minuten, bis alle Schüler sich erbarmt haben, zu ihren Plätzen zurückzukehren. Weitere zwei Minuten nehmen dann die Begrüßungszeremonie sowie das zeitlupengleiche Hervorholen der Bücher in Anspruch.

An diesem Donnerstag hingegen war alles anders.

Im Klassenraum einer zweiten Klasse saßen etwa 30 strahlende Kinder, die mich mit großen Augen neugierig und wohlwollend anblickten. Als sie erfuhren, dass ich an diesem Tag die Vertretung ihres Sportlehrers übernehmen würde, brach eine Jubelorgie aus, als wäre Thailand gerade Fußballweltmeister geworden. Ein Schüler ging sogar auf die Knie und vollzog einige Bewegungen, die wohl Anbetungen darstellen sollen.

Dass ich an diesem Tag meine Premiere als Sportlehrer geben würde, hatte ich selbst keine zehn Minuten zuvor erfahren. Ein Kollege hatte sich krank gemeldet, ich zwei Freistunden, also keine Frage: Teacher Felix, bitte übernehmen sie! Keinerlei Erfahrung als Sportlehrer, nicht mal ansatzweise adäquate Sportbekleidung zur Hand und das Thema des Unterrichts nicht in Erfahrung zu bringen – alles kein Problem: „Up to you!“

Da an diesem Tag jedoch die Fußball WM in Brasilien begonnen hatte und ich ein hoffnungsloser Fußballfanatiker bin, fiel es mir nicht sonderlich schwer, den Inhalt der Stunde zu bestimmen. „Zieht euch eure Schuhe an und nehmt ordentlich Wasser mit. Wir gehen kicken!“ Wieder brach ein ohrenbetäubender Jubelsturm aus, der so laut war, dass ich befürchtete, die anderen Lehrer könnten denken, der Deutsche ziehe irgendeine fiese Propagandanummer durch.

Ein paar besonders enthusiastische Jungs in der ersten Reihe sprangen von ihren Sitzen auf, in der Absicht mir um den Hals zu fallen, was ich nur dadurch verhindern konnte, dass ich mir spontan den Ball schnappte und geschwind Richtung Ausgang schritt. Keine fünf Minuten später waren wir an der Sportanlage eingetroffen.

Die Schule verfügt über mehrere Basketballplätze, einen Fußballkäfig sowie ein Fußballfeld, dessen saftig grün glänzender Rasen sich stets in einem fantastischen Zustand befindet. Es war also alles angerichtet für ein ordentliches Match.

Nach einer kurzen Aufwärmphase und der Verteilung der Mannschaften – auf ausdrücklichen Wunsch der Klasse Mädchen gegen Jungs – konnte das Spiel beginnen. Wie ein wilder Bienenschwarm stürzten sich alle Schüler auf den Ball, mehr fielen und stolperten sie, als dass sie rannten. Bald war der Ball nicht mehr zu entdecken, ob der unzählbaren Kinderkörper, die diesen umgaben. Zu sehen war lediglich ein riesiges Schülerknäuel, welches sich mal zehn Meter in die eine und kurz darauf zehn Meter in die andere Richtung bewegte.

Die Mädchen hielten sich sehr tapfer und warfen sich ihren männlichen Klassenkameraden entgegen, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Nach einigen Minuten lichteten sich die Reihen der Damen jedoch merklich. Bald saßen mehr von ihnen neben dem Platz, als auf diesem spielten. Die Jungs konnten die sich nun einstellende Überzahl nutzen und erzielten in kurzer Zeit zwei Tore.

Die Stimmung drohte nun zu kippen, die Mädels schienen die Lust zu verlieren, ein Hauch von Revolution hing in der Luft. Ich entschloss mich also auf Seiten der Mädels in das Spielgeschehen einzugreifen. Ich entledigte mich meiner Krawatte, krempelte die Ärmel hoch und sprintete dem Ball entgegen, was angesichts der rutschigen Anzugsschuhe ein relativ schwieriges Unterfangen war.

Es gelang mir schließlich den Damen zwei Vorlagen zu servieren, welche diese mustergültig zu verwandeln wussten. Dass die Jungs schließlich noch ein weiteres mal einnetzen und somit das Spiel mit 3:2 für sich entscheiden konnten, wog am Ende nicht mehr ganz so schwer. Mit diesem Ergebnis waren beide Seiten zufrieden.

Völlig verschwitzt und abgekämpft kehrten wir nach etwa 30 Minuten wieder ins Klassenzimmer zurück, wo ich den Schülern noch einige Fußball Vokabeln und Anekdoten mit auf den Weg gab.

Nächster Schritt Sportlehrer? Warum eigentlich nicht…

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Babylon im Lehrerzimmer

Die ausländischen Lehrkräfte an meiner Schule sind in einem separaten Bereich untergebracht und auf zwei Lehrerzimmer verteilt. Das Lehrerzimmer, in dem sich auch mein Pult befindet, beherbergt „Pädagogen“ aus insgesamt acht verschiedenen Ländern.

Die größten Gruppen machen die zynischen und aus Prinzip mit allem unzufriedenen US-Amerikaner, die stillen, höflichen und stets unter sich bleibenden Chinesen sowie die immer gut gelaunten Filipinos aus. Hinzu kommen noch ein Pole, ein Engländer, ein Schwede, ein Schotte und ich.

Obgleich alle Insassen dieses Raumes der englischen Sprache mehr oder weniger mächtig sind, was an einer bilingualen Schule auch zu erwarten wäre, herrschen doch elementare, kaum überbrückbare Sprachbarrieren. Denn acht verschiedene Nationalitäten sind in diesem Fall gleich zu setzen mit mindestens acht unterschiedlichen Arten englische Wörter auszusprechen, zu betonen oder gar zu interpretieren.

Ein reines Vergnügen ist es beispielsweise eine Konversation zwischen dem Schotten und den Amerikanern zu verfolgen. Kein Satz, auf den nicht eine Nachfrage erfolgt, kein Wort ohne Stirnrunzeln. Einfach köstlich. Es ist, als ob ein oberbayrischer Milchbauer in einer Postfiliale im Erzgebirge, eine Konversation über das deutsche Reinheitsgebot beginnt und als Antwort eine Schilderung der passiven Abseitsregel erhält.

Die kulturelle Vielfalt hat natürlich auch ihre kaum zu leugnenden Vorteile. Sobald die Mittagspause begonnen hat, ist der Raum erfüllt mit den Gerüchen unterschiedlichster Gerichte. Insbesondere die Chinesen und die Filipinos verköstigen dann selbst gemachte einheimische Speisen, von denen sie auch gerne gönnerisch etwas abgeben.

Die Europäer und Amerikaner wiederum erweisen sich als etwas genügsamer und verzerren zumeist von daheim mitgebrachte Brote. Sie verfügen dafür aber über umfangreiches Wissen über die besten Pizzerias und Bierbars der Stadt. Immerhin etwas.

Generalprobe vergeigt, die Premiere durchwachsen – Der erste Schultag (mit Schülern)

 

Heißt es in der Welt des Theaters nicht, dass einer wirklich gelungenen Premiere eine total verkorkste Generalprobe vorausgehen sollte?
Dieser Maxime folgend, leistete ich mir ein Paradebeispiel der Peinlichkeiten, noch bevor ich auch nur ein einziges Wort an meine Schüler gerichtet hatte. Um bestmöglich vorbereitet in die ersten Schulstunden zu gehen, lief ich am letzten Tag der Vorbereitung noch einmal das Schulgebäude ab, in der Absicht mir die Nummer der Klassenräume zu notieren, in denen ich meinen Einstand geben würde. Es war bereits nach vier, die Kollegen schon auf dem Heimweg und ich der einzige Lehrer auf weiter Flur. Vor den Räumen standen zwei Putzfrauen, die mir erst freundlich das Raumsystem erklärten, dann aber merkwürdig zu grinsen und kichern anfingen. Als ich mich ein paar Meter entfernt hatte, wurde aus dem Kichern ein regelrechter Lachanfall. Ich schaute an mir herunter und sah, dass mein Hosenstall sperrangelweit offen stand.

Am nächsten Tag traf ich dennoch gut gelaunt, gleichzeitig aber fürchterlich aufgeregt, in der Schule ein. Nun war er tatsächlich gekommen, der erste Tag als Lehrer an einer thailändischen Schule! Um kurz vor acht versammelten sich alle Schüler und Lehrer auf dem Vorplatz der Schule. Nachdem die Fahne gehisst, die Hymne gesungen und ein Gebet gesprochen worden war, kehrten die Lehrer völlig verschwitzt in das auf 17 Grad künstlich heruntergekühlte Lehrerzimmer zurück, während die Schüler noch ein wenig marschierten. Doch bald darauf strömten die Massen zurück ins Schulgebäude. Ein unmissverständliches Signal, dass es jetzt losgehen sollte.

Kurz darauf stand ich dann auch im Klassenraum einer neunten Klasse, vor mir 35 Teenageraugenpaare, die mich fragend bis irritiert anblickten. Nach einer gefühlten Ewigkeit begrüßten mich die Schüler schließlich im Chor: „Good morning, teacher Felix“. Ich hätte darauf antworten sollen: „Good morning, class, how are you today“? Hierauf hätten sie wiederum gesagt, dass es ihnen blendend ginge und sich nach meinem Zustand erkundigt. Das ganz normale Prozedere am Anfang jeder Stunde eben. Leider war mir dieses Ritual noch nicht geläufig, weshalb ich mindestens genauso verwirrt schaute wie die Schüler.

Irgendwann war jedoch auch dieses Missverständnis behoben und ich konnte beginnen. Meinem Plan folgend, stellte ich mich kurz vor und bat die Schüler anschließend, mir dieses gleich zu tun. Hierbei sollten sie mir ihren Namen mitteilen sowie etwas aufzählen, was sie mochten und etwas, was sie nicht ausstehen könnten. Während die wissbegierigen Mädels in den ersten Reihen motiviert loslegten, entglitt mir der Rest der Klasse zunehmend. Sie kannten sich doch untereinander bereits und fanden es viel spannender durch die Klasse zu hüpfen und sich laut schreiend und lachend von ihren Ferienerlebnissen zu berichten.

Ein Schüler, der seine ersten Barthaare stolz als Schnäuzer zur Schau stellte, fiel hierbei besonders unangenehm auf. Nachdem ich ihn bereits dreimal ermahnt hatte und er immer noch nicht zur Ruhe kommen wollte, bat ich ihn zu mir nach vorne und forderte ihn auf, sich mir nun vorzustellen. Er sagte: „My name is Felix, I like Felix, I don’t like Felix” und lachte dabei schelmisch über seinen gelungen Streich. Nach dem drittem mal Nachfragen erbarmte er sich schließlich doch und teilte mir seinen Namen mit. Selbstredend habe ich mir diesen jungen Mann im Geiste als potentiellen Musterschüler vorgemerkt.

Diese vermaledeite Vorstellungsrunde erwies sich je länger sie dauerte als ein ziemliches Eigentor. Quälend lange suchten die Schüler nach Antworten auf meine ach so komplizierten Fragen, welche ich dann zumeist kaum verstehen konnte, hatte doch der Lärmpegel im Klassenraum inzwischen Düsenjäger Qualitäten angenommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir schließlich in der letzten Reihe angekommen und ich war gerade dabei, die Hoffnung wieder zu gewinnen, doch noch zumindest etwas thematisch einsteigen zu können, da stand plötzlich eine Lehrerin in der Tür und erklärte knapp, dass die Klasse jetzt zu einer Ansprache der Direktorin müsse und die Stunde nun beendet sei. Es verging keine Minute und ich stand alleine im Klassenraum. Ich fühlte mich wie ein miserabler Circusclown, dem die Zuschauer abhanden gekommen waren.

Zwei Stunden später versuchte ich mein Glück, meine vorbereiteten Spiele und Inhalte erneut aus, dieses mal an einer achten Klasse. Zwar durfte ich nun die komplette Unterrichtszeit im Klassenraum verweilen, doch gestaltete sich die Zeit in diesem so chaotisch, unbefriedigend und vor allem ohrenbetäubend laut, dass ich bereits 5 Minuten vor dem eigentlichen Ende die Segel strich und zurück ins eisige Lehrerzimmer schlich.

Nun völlig desillusioniert und innerlich schon den Koffer für die Rückreise nach Deutschland packend, beschloss ich mir und den Schülern noch einen einzigen, einen letzten Versuch zu gönnen. Danach könnte ich das Experiment als Lehrer immer noch als gut gemeinten, jedoch völlig gescheiterten Versuch abbrechen.

Meinem Unterrichtsplan, der sich in den letzten Tagen beinahe stündlich verändert hatte, konnte ich entnehmen, dass ich nun eine siebte Klasse unterrichten sollte. Mit dem Mut der Verzweiflung betrat ich den Klassenraum voller Schwung und begann mein inzwischen etwas modifiziertes Vorstellungsprozedere abzuspulen. Anschließend stieg ich nahtlos in den Unterrichtstoff ein. Zu meiner völligen Verwunderung war diese Klasse sehr ruhig, freundlich, aufgeschlossen und arbeitsfreudig. Ich vermutete einen Trick, eine Falle oder zumindest eine irgendwo versteckte Kamera, doch die Schüler verhielten sich die ganze Stunde über völlig zauberhaft und nahmen es mir noch nicht einmal Übel, dass ich ihnen in meiner Unkenntnis ihre fünfzehn minütige Pause stibitzt hatte.

Nach sage und schreibe 65 Minuten Unterricht verabschiedeten sie mich freundlich und ich ging dann doch mit einem relativ guten Gefühl nach Hause. So konnte das Unterrichten also auch sein. Darauf ließe sich aufbauen…

 

Der erste Schultag – Schlafen, zocken, hüpfen!

Ohne die Horden von schreienden, tanzenden und amüsiert herumalbernden Kindern, wirkt das Schulgebäude noch deutlich imposanter, größer und einschüchternder als bei meinen vorherigen Besuchen. Ohnehin ließen die pompösen Kuppeln und Säulen eher auf einen Nachbau des Petersdoms als auf eine Schule in der thailändischen Provinz schließen. Zu allem Überdruss bin ich auch noch der einzige Mensch auf weiter Flur, was aber eigentlich  kein all zu großes Wunder ist, haben mich doch Nervosität, Unsicherheit und Selbstzweifel dazu angetrieben, den ausladenden Schulparkplatz dreißig Minuten vor der eigentlichen Zeit zu erreichen. Nach und nach treffen jedoch immer zahlreicher Lehrer an der Schule ein und je mehr meiner zukünftigen Kollegen freundlich grüßend an mir vorbeischlendern, desto stärker weicht meine innere Anspannung einer wachsenden Vorfreude auf das Kommende.

So richtig gut durchstrukturiert und produktiv ist der erste Arbeitstag zunächst nicht. Gelegentlich erreichen Teile des Arbeitsmaterials, der Wochenpläne und hauptsächlich auf Mundpropaganda beruhende Informationen zur Klassenverteilung das Lehrerzimmer. Die restliche Zeit wird von den Kollegen kreativ und eigenverantwortlich gestaltet. Es werden Urlaubserlebnisse ausgetauscht, Höchststände von Handyspielen übertroffen und das Schulsystem verflucht. Mein Sitznachbar zur Linken hat plötzlich aus großen Papptafeln erstelltes Arbeitsmaterial zur Hand. Ich denke noch, jetzt geht es wohl endlich los mit der konstruktiven Unterrichtsvorbereitung, da bemerke ich konsterniert, dass die Pappe zu einem Bett verfremdet wird. Es dauert nicht all zu lange und es ertönen leise doch nicht zu überhörende Schnarchgeräusche aus seiner Ecke.

Angesichts dieser vor Arbeitseifer überschäumenden allgemeinen Stimmung bin ich etwas unsicher, mein eigenes Verhalten betreffend. Einerseits böte sich die freie Zeit wunderbar dazu an mit der Vorbereitung der ersten Unterrichtsstunden zu beginnen. Andererseits lege ich auch keinen gesteigerten Wert darauf schon am allerersten Arbeitstag als unverbesserliche Streberleiche verschrieen zu sein. Ich versuche also einen Mittelweg einzuschlagen und streue in mehr oder weniger konzentrierte Arbeitsphasen, immer wieder auch ostentativ zur Schau gestelltes Spielen mit dem Smartphone ein.

Den unumstrittenen Höhepunkt des Tages stellt die Verteilung der persönlichen Unterrichtspläne dar. Während die Westler die Informationen ihres Arbeitsplans nüchtern bis zynisch zur Kenntnis nehmen, zeichnen sich insbesondere die philippinischen Kolleginnen durch besondere Begeisterung aus. Euphorisch klatschend und hüpfend feiern sie das Erreichen ihrer Wunschkombination und klatschen einander freudestrahlend ab. Laut meinem Plan soll ich von Montags bis Freitags ausschließlich chinesisch unterrichten. Eine gute Idee. Nachdem dieses Versehen glücklicherweise behoben worden ist, studiere auch ich meinen Plan und registriere mit Vergnügen reichlich Freistunden.

Eine Stunde früher als üblich wird mein erster Schultag schließlich mit der Anmerkung beendet, dass es nicht immer so entspannt zugehen werde. Im Großen und Ganzen mit diesem gemütlichem Einstieg zufrieden und gespannt wie es weitergehen wird, mache ich mich auf den Heimweg.

 

How do I reach these kids?

Aus gegebenem Anlass suche ich nach pädagogischen Vorbildern, bei denen ich mir für die bald folgende Lehrertätigkeit ein paar Kniffe abkupfern kann. Unter gründlicher Berücksichtigung aller ästhetischer, didaktischer wie moralischer Gütekriterien, bin ich zu einem klarem Ergebnis gekommen.

Den Lehrer im Blut

Ich stehe in einem Modegeschäft in einem Bangkoker Einkaufszentrum. Vor mir vier junge Thais, die scheinbar fasziniert an meinen Lippen kleben, während ich, wild gestikulierend und voller Eifer, versuche ihnen die Grundsätze der deutschen Sprache näher zu bringen.

Wir scheinen das Hier und Jetzt vollkommen hinter uns gelassen zu haben und in völlig neue Rollen geschlüpft zu sein. Ich habe den Körper des Kunden verlassen, der den Laden erneut betreten hatte, in der Absicht in den kurz zuvor erstandenen Gürtel einige Löcher ergänzen zu lassen, nachdem eine kurze Anprobe in einer nach Mango duftenden Toilettenkabine ergeben hatte, dass meine Körpermasse, trotz übermäßigem Konsum thailändischer Köstlichkeiten, immer noch nicht ausreichte, um das zu großzügig bemessene Volumen des Gürtels auszufüllen und habe stattdessen die Rolle eines Deutschlehrers angenommen.

Meine vermeintlichen Schüler wiederum haben ihre alten Identitäten der recht freundlichen, jedoch leicht übermotivierten wie anhänglichen Verkäufer abgelegt und sind zu wissbegierigen Strebern mutiert, die mich durch ihre fundierten Sachfragen nur immer weiter dazu anstacheln, mich vollkommen meiner neuen Rolle hinzugeben. Es hätte wahrlich nicht viel gefehlt und ich hätte wieder angefangen von Wurst essenden Hunden zu schwadronieren.

Entweder die jungen Herrschaften sind wirklich interessiert an meinen Ausführungen und wir haben uns zu fünft in ein Paralleluniversum des Lehrens und Lernens begeben oder sie sind am Ende doch nur ausgebuffte Verkäufer, die durch ihr zur Schau getragenes Interesse zu überdecken versuchen, wie ungeschickt sich ihre Kollegin bei dem Versuch anstellt, den Gürtel durch ein neues Loch etwas enger zu bekommen. Sage und Schreibe fünf mal ist sie davon überzeugt, nun aber die richtige Größe gefunden zu haben und muss sich nach einer wiederholt gescheiterten Anprobe, zunehmend verzweifelt, erneut ans Werk machen.

Von solch kleinen Unterbrechungen lässt sich ein erfahrener Pädagoge, für solch einen scheine ich mich offensichtlich tatsächlich gerade zu halten, doch noch lange nicht aufhalten und ich fahre wenig beeindruckt mit meinem Unterricht fort.

Ich bin mir später gar nicht mehr sicher, wie lange dieses irritierende Schauspiel gedauert haben mag. Waren es nur einige Sekunden, mehrere Minuten oder gar Stunden?

Ich verlasse schließlich, mit einem nun passendem Gürtel im Gepäck, sehr verwirrt und mit schnellen Schritten den Ort des Geschehens. Zwei Erkenntnisse nehme ich aus diesem groteskem Erlebnis mit.

Erstens: Dieses Lehrerding ist wohl tiefer in mir verankert als gedacht und nimmt langsam beunruhigende Ausmaße an.

Zweitens: Unter keinen Umständen werde ich dieses Geschäft noch einmal betreten, all der fabelhaft schönen Hemden und Hosen zum Trotz. Verflucht sei es!

„Der Hund isst eine Wurst“. Die beste Deutschviertelstunde die Bangkok je sah…

Es ergab sich für mich eine unverhoffte Gelegenheit, meine möglicherweise verborgenen Qualitäten als Deutschlehrer zu offenbaren und mich an einer Schule vorzustellen. Neben einem sehr angenehmen Gespräch mit dem Direktor und einer gemütlichen Runde durch die Räumlichkeiten der Lehranstalt, gehörte zum Rahmenprogramm, dass ich, freilich ohne jede Form der Vorbereitung, spontan eine Probestunde gestalten sollte.

Nun ist es so, dass man als Lehrpersonal eine gewisse moralische wie ethische Verantwortung übertragen bekommt. In der unseren verkommenen Welt, die fortwährend schneller, komplexer und unverständlicher wird, brauchen junge Leute gewisse Werte und Normen, an denen sie sich orientieren können, die ihnen Halt und Orientierung verleihen. Im tiefen Bewusstsein der Tragweite meiner Handlung, wollte ich den Schülern eine Botschaft mitgeben, an der sie sich aufrichten könnten und die ihnen als Leuchtturm in ihrem weiteren Leben dienen sollte.

„Der Hund isst eine Wurst“. Diesen Satz, ach was sage ich, diese frohe Botschaft kritzelte ich an die Tafel und ließ sie von den thailändischen Schülern mehrmals im Chor wiederholen. Gehorsam, naiv und pflichtbewusst wie sie nun einmal sind, folgten sie meiner Aufforderung ohne den abstrusen Irrsinn meiner Worte zu durchblicken. „Der Hund isst eine Wurst“, schallte es immer wieder laut und deutlich durch den Klassenraum. Wären wir hinaus auf die Straßen der thailändischen Hauptstadt marschiert, die Mengen wären uns gefolgt, wir wären eine Bewegung geworden. Bevor ich jegliche Pläne dieser Art in die Tat umsetzen konnte, läutete es, die Stunde war vorbei und die Schüler erlöst.

Als Sahnehäubchen dieser Geschichte, quasi der Senf auf der Wurst, wäre noch hinzuzufügen, dass meine kleine Hundegeschichte dem Direktor durchaus gefallen hat und meine Aussichten auf den Job nicht schlecht standen. Doch leider verfolgt die Verwaltung der Schule eine strikte „Kein-Fleisch-Politik'“, weshalb ich und meine Lehrmethoden als nicht opportun erschienen.

 

 

Jobbörse Marktplatz. Sechs Wochen als Englischlehrer

Es war ein warmer, sonniger, aber leider auch recht stickiger Märztag. Ich hatte einige Stunden in der Bibliothek der Silpakorn Universität in Nakhon Pathom vor mich hin recherchiert und wollte mir auf dem Markt in der Nähe des Phra Pathom Chedis noch eben mein Abendessen zusammenkaufen. Während ich darauf wartete, dass das bestellte Pad Thai fertig wurde, entschloss ich mich kurzerhand noch einen kleinen Nachtisch zu erstehen.

Thailändische Süßigkeiten sind nicht jedermanns Sache. Zum einen sind diese häufig wirklich so schreiend süß, dass man nach ihrem Verzehr einen akuten Zuckerschock fürchtet. Zum anderen ist die Zusammenstellung der einzelnen Komponenten, nach europäischen Maßstäben gemessen, drücken wir es mal vorsichtig aus, zumindest sehr mutig. So enthält das köstliche Kokosnusseis traditionell Gemüsemais, grüne Mangos werden grundsätzlich mit einem Dipp aus Zucker, Salz und Chilis serviert und die fantastische Eierspeise Mor Geng findet gelegentlich ihre Veredelung in Form von gerösteten Zwiebeln.

Ich für meinen Teil bin aber ein großer Anhänger dieser klebrigen Köstlichkeiten, weshalb ich an besagten Abend recht zielstrebig auf einen Stand zueilte, der genau diese Art von Nachspeisen anbot. Ich entschied mich für Mor Geng, eine Art thailändische Crema Catalana, die aus Ei, Zucker und Kokosnussmilch hergestellt wird und die einst von den Portugiesen ins Land gebracht wurde. Das Verkaufsgespräch führte ich mit einer jungen Dame, in für mich sensationellem Thai. So gut hatte ich selten mein Essen bestellt. Von diesem Erfolgserlebnis völlig beseelt, schlenderte ich zurück.

Ich hatte noch keine vier Meter hinter mich gebracht, als ich aus dem Augenwinkel sah, dass die nette Dame vom Süßigkeitenstand hinter mir herlief. Ich befürchtete schon das Schlimmste. Wahrscheinlich hatte ich sie mit meinem „sensationellen“ Thai zutiefst beleidigt und sie wollte jetzt an mir Rache nehmen. Oder ich hatte ihr versehentlich meine Liebe gestanden. Wäre ja schließlich nicht das erste Mal…

Ihr Anliegen war jedoch von ganz anderer Natur. Aufgrund meines äußeren Erscheinungsbildes, dass ich in Zukunft eventuell überdenken sollte, hielt sie mich für einen Englischlehrer und fragte, ob ich ihr nicht, privat etwas Unterricht geben könnte. Instinktiv lehnte ich ab, bin ich doch weder Lehrer noch Engländer, doch siegte schlussendlich die Neugierde und ich sagte ihr, dass wir das gerne mal ausprobieren könnten. Freudestrahlend kehrte sie zum Stand ihrer Mutter zurück, an welchem sie in den Semesterferien gelegentlich aushalf, wie sie mir vorher berichtet hatte.

Zwei Tage später stand ich, wieder in meinen Lehreroutfit, vor den Türen eines Cafés, wo die erste „Schnupperstunde“ stattfinden sollte. Als ein in Deutschland sozialisierter Mensch, war ich selbstredend pünktlich wie die Maurer dort eingetroffen, was man von meiner künftigen Schülerin leider nicht behaupten konnte. Die dreißig Minuten bis zu ihrem Eintreffen vertrieb ich mir aber genüsslich mit Hilfe zweier köstlicher Milk Teas. Als sie schließlich das Café betrat, gab es eine gehörige Überraschung: sie hatte noch eine Freundin mitgebracht, die ebenfalls darauf brannte, von mir „unterrichtet“ zu werden.

Beide Damen waren Anfang zwanzig, Studentinnen, zuckersüß, fast so sehr wie thailändische Nachspeisen, und offensichtlich sehr wissbegierig. Sie erwiesen sich als gleichermaßen freundlich wie geduldig und zu meiner großen Überraschung schienen meine stümperhaften Erläuterungen der englischen Sprache ihnen nicht nur zu gefallen, sondern auch weiterzuhelfen.

Da die Probestunde für beide Seiten somit recht erquickend verlaufen war, machten wir weitere Termine aus und trafen uns in der Folge mehrmals die Woche im National Museum Nakhon Pathom, in dessen Räumlichkeiten ich meinen „Unterricht“ ausrichten durfte.

Ich hatte großen Spaß an meinem neuen „Beruf“, bereitete mich akribisch auf die einzelnen Stunden vor und stellte mit großer Freude fest, dass die Beiden stetig Fortschritte machten.

Ich verfügte jedoch noch nicht über eine gültige Arbeitsgenehmigung, weshalb ich von den Beiden kein Geld für meine Dienste verlangen konnte. Thailändische Gefängnisse gelten nicht unbedingt als Luxushotels und Schwarzarbeit ist nicht gerade ein Kavaliersdelikt. Das mag dir lieber Leser als sehr „deutsch“ oder hasenfüßig erscheinen, doch ich sollte noch für meine Gesetzestreue belohnt werden. Warte nur ab!

Da ich keine monetäre Bezahlung annehmen konnte, überlegten sich meine beiden Schülerinnen eine andere Form der Vergütung. Nein, ich rede nicht von anzüglichen Schweinereien. Hier muss ich den Leser leider enttäuschen. Viel besser, es ging um Essen. Und was für welches!

Zum einen musste ich mir in der Zeit meiner Lehrtätigkeit keine Gedanken mehr um meinen Nachtisch machen. Wie bereits beschrieben, verkaufte die Mutter einer der Beiden auf dem Markt in Nakhon Pathom thailändische Süßigkeiten. Voller Freude über die Wissbegierde ihrer Tochter und den Arbeitseinsatz meinerseits, gab sie ihrer Tochter auf dem Weg zu meinem Unterricht stets eine großzügige Auswahl ihres Sortiments mit. Zum anderen luden mich die beiden Schülerinnen einige Male in ihre Lieblingsrestaurants ein, wodurch ich zu den reinsten kulinarischen Hochgenüssen gelangte.

Leider neigten sich irgendwann die thailändischen Semesterferien ihrem Ende entgegen, wodurch meine Tätigkeit als Englischlehrer ihr vorläufiges Ende fand. Vorläufig, denn man weiß ja nie, was beim nächsten Bummel auf dem Markt passieren wird.

Thank you teacher!

Eine Freundin, die Lehrerin an einer thailändischen Schule ist, fragte mich, ob ich nicht zwei ihrer Klassen besuchen und eine kleine Präsentation geben könne. Das Thema sollte der Bau der Berliner Mauer sein. Ihre Schüler würden sich besonders für dieses Thema interessieren, hätten viele Frage und würden hierzu gerne einen „Experten“ treffen. Ein ausgesprochener Experte bin ich auf diesem Gebiet nicht. Ein Historiker, dessen Kernkompetenz es doch sein soll, sich in kürzester Zeit in fremde oder nicht ganz vertraute Themen einzuarbeiten, doch sehr wohl. Ich sagte also ohne zu zögern zu. Wenn es dort im fernen Phuttamonthon wirklich thailändische Jugendliche geben sollte, die sich ernsthaft für deutsche Geschichte interessierten, wäre es mir eine ausgesprochene Freude ihren Wissensdurst zu stillen.

Ich erstellte also eine kleine Präsentation und bat die Lehrerin die Folien auf Thai zu übersetzen. Die Fragen der Schüler waren mir vorher zugesendet worden und ziemlich beeindruckend. Sie wollten meine persönliche Motivation wissen mich mit Geschichte zu befassen, fragten nach familiären Berührungspunkten mit den Geschehnissen und schienen gut informiert. Wie mir ihre Lehrerin später beichtete, waren aber die beliebtesten Fragen, die nach meinem Lebenstand und meiner Meinung zum europäischen Fußball, von dieser Liste gestrichen worden. Schade eigentlich. Ich machte mich dennoch bestens gelaunt, voller Erwartung und ganz passabel vorbereitet auf den Weg.

Die Schule selbst war ganz offensichtlich eine Privatschule, so großzügig war sie ausgestattet. Den Einlass ermöglichte nur eine Chipkarte, der Sportplatz sah aus, als sei er erst Tage vorher  gebaut worden und jeder der Klassenräume verfügte über einen schicken Beamer. Anders als ich es von der Uni gewohnt war, funktionierten diese Dinger auch ohne jegliche Probleme. Ich wurde bei meinem erscheinen sehr freundlich von der Direktorin und den anderen Lehrkräften begrüßt und von den Schülern neugierig begutachtet. Mein „Alienstatus“ hielt sich aber in Grenzen. An der Schule gibt es zwei englische Lehrkräfte, sie waren also an „Farangs“ gewöhnt.

Die erste Klasse mit der ich mein Wissen teilen durfte, bestand aus gerade mal zehn Schülern. Es war eine besondere Klasse, in der vor allem lernschwächere oder Schüler mit Konzentrationsproblemen versammelt waren. Diese sahen mich äußerst erwartungsfroh und gespannt an. Man hatte also nicht übertrieben. Hier war wirklich Interesse vorhanden. Ich stellte mich in mehr oder weniger gebrochenem thailändisch vor, hatte hierdurch die ersten schüchternen Lacher auf meiner Seite und legte los. Während meines Vortrags war die Klasse sehr ruhig. Man hätte ein Reiskorn fallen hören können. Einer der Schüler lächelte mich die ganze Zeit an während ich redete und nickte mir fortwährend aufmunternd zu. Ein sehr angenehmes Publikum war das.

Leider musste ich sie zu Beginn ein wenig mit den etwas trögen Zusammenhängen und Erklärungen quälen. So richtig in Fahrt kamen sie und ich erst als ich die spannenden Bilder des Mauerbaus zeigte. Ich rutsche auf meinen Socken, Schuhe haben in thailändischen Klassenräumen nichts zu suchen, geschwind zwischen meinen Unterlagen und der Tafel, wild gestikulierend, hin und her. Eine sehr rege und spannende Diskussion entwickelte sich beim betrachten einer fertigen Grenzanlage. Die Schüler spekulierten über Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten diese zu überwinden.  Ich erntete ein paar „aahhs“ und „oohhs“ bei der Schilderung gelungener, spektakulärer Fluchtaktionen, drückte die Stimmung aber auch durch die Schilderung der tragischen Geschichten.

Die Zeit für die Beantwortung der Fragen war leider sehr zusammengeschmolzen. Ich hatte  für mein Programm leider länger als die anvisierten 20 Minuten gebraucht. Zudem waren die Stunden an diesem Tag von 50 auf 40 Minuten reduziert worden, da am Nachmittag eine besondere Veranstaltung angekündigt war. Ich wurde dennoch im Chor freundlich verabschiedet. „Thank you teacher“ und hatte den ersten Teil der Aufgabe erledigt.

Die zweite Vorstellung gab ich in einer achten Klasse. Diesmal waren fasst alle Stühle besetzt, dennoch waren es nur 17 Schüler. Diese sahen mich zwar freundlich, aber auch mit einer gewissen Erwartung im Blick an. Die Lehrerin hatte mir im vornherein berichtet, dass diese Klasse der Veranstaltung vorher etwas skeptischer gegenüber eingestellt und nicht ganz so begeistert war, wie die erste Klasse. Sie hatten bedenken mich nicht verstehen zu können und nicht genug dabei zu lernen, die Streber! Die Lehrerin war hier auch ein wenig angespannter, übersetzte mehr meiner Ausführungen und bat mich einige Sachverhalte ausführlicher darzustellen. Dennoch lief es ganz gut, ich war sicherer in meinen Schilderungen, ich wusste ja, dass die spannenden Bilder noch kommen würden. Die Schüler in dieser Klasse hörten meinen Ausführungen teilweise gespannt und lächelnd zu, andere gähnten, schliefen, tuschelten, kritzelten auf dem Tisch herum oder spielten mir unbekannte Spiele.

Am Ende wurde ich wieder im Chor verabschiedet. „Thank you teacher“. Zudem stand eine Schülerin auf und dankte mir, dass ich ihnen so viel Wissen vermittelt hätte. Streber, aber sympathische.