Die Stille auf der Khaosan Road

Ach was habe ich sie gehasst, über sie geflucht und soweit ich konnte, sie gemieden. Schmutzige, laute, wilde, nervige Khaosan Road. Diese Nussschale des südostasiatischen Massentourismus, Symbol und Spiegel all dessen was hier schief läuft. Sicher, sicher, den ein oder anderen feuchtfröhlichen Abend habe auch ich hier unter auf Tischen tanzenden Thais verbracht. Doch geprägt ist meine Erinnerung von sich durch die Gegend schiebenden Sauftouristen, lauter schlechter Dröhnmusik und omnipräsenten, aufdringlich Plunder feilbietenden Händlern.

Ich schreibe Erinnerung, denn an diesem Junitag im Jahr 2020 gleicht die vormalige Sündenmeile eher einer Fußgängerzone einer deutschen Kleinstadt an einem verregneten Sonntagnachmittag. So harmlos, leblos, ausgestorben ist es. Neben mir haben sich noch zwei weitere Menschen in der Straße verloren. Es sind Vater und Sohn, die gemeinsam Fahrradfahren üben. Genug Platz ist ja da.

Vorher ist mir nie aufgefallen, dass die Straße, trotz der vielen groben Bars und Clubs doch durchaus auch schöne Ecken vorzuweisen hat, traditionelle Shophouse-Gebäude, verschlafene Hinterhöfe.  Ich flaniere vor mich hin und habe beinahe fast vergessen, wo ich bin. Da entdeckt mich ein am Ende der Straße wartender Händler und murmelt mir ein unmotiviertes und kraftloses „Pingpongshow“ entgegen. Er ist ein letzter Überrest einer scheinbar vergangenen Zeit. Denn die Massen an Touristen, die vormals Geld und Leben in diese Straße gebracht haben, kommen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und der darauffolgenden Schließung der Grenzen nicht mehr.  

Ich gehe ein wenig weiter durch dieses gewöhnlicherweise so wuselige Viertel, das heute so verweist ist wie nie zuvor. Es sind so wenige westlich aussehende Menschen unterwegs, dass man sich gegenseitig grüßt wie alte Bekannte. Viele Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, etliche Schaufenster verrammelt. Darunter einige meiner Lieblingsplätze wie der wunderbare Curry-Stand da vorne an der Ecke und das von mir so heißgeliebte israelische Restaurant die Straße hinunter.

Dass das Ausbleiben der Touristen in Thailand seine Spuren hinterlassen hat, weiß ich, habe ich gehört, gelesen, aber hier ist es plötzlich sichtbar, spürbar, ja hörbar. Es ist ruhig, so still, so trostlos, so verlassen, wie ich es hier in zwölf Jahren noch nicht erlebt habe, nicht bei Aufständen, Protesten, der Flut, dem Militärputsch.

Es stehen und sitzen viele Menschen am Straßenrand. Ich denke zuerst, dass sie auf Busse warten, ich hoffe, dass sie für die eventuell bald öffnenden Geschäfte anstehen, aber ich weiß, dass sie wegen der Armenspeisung des nahen Tempels hier sind. Ich fühle mich hier falsch, völlig fehl am Platze und gehe meines Weges.

Wann die Touristen wiederkommen können, ist noch nicht abzusehen und bei einer weiter blühenden Pandemie wäre es wohl auch mit vielen Folgerisiken und Problemen verbunden. Doch für dieses Viertel und die Menschen, die hier leben und arbeiten wäre eine baldmögliche Rückkehr zur Normalität wohl überlebenswichtig und absolut wünschenswert.

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