Doch nicht die Lüneburger Heide. Kobra und Waran als ungebetene Wochenendgäste.

Ich lebe auf einer ehemaligen Obst- und Palmenplantage. Umgeben von Bannanbäumen, Kokospalmen, Limettensträuchern und unzähligen exotischen Blumen, steht das Haus, in dem ich wohne auf einem kleinen Teich, im Herzen der Anlage. Die Plantage ist zudem von einem System an Kanälen durchzogen, die vormals der Bewässerung der Pflanzen dienten und in denen sich inzwischen Fische, Schildkröten und Frösche eingenistet haben. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich außerdem Obstplantagen und raumgreifende, saftiggrüne Reisfelder.

Selbstredend ist mir bewusst, dass sich in solch tropischen Gefilde auch so manch unangenehmes und giftiges Getier herumtreibt, doch blende ich Gedanken dieser Art zumeist aus, wenn ich einmal eine Erkundungstour durch die Anlage unternehme. Ich fühle mich hier sicher und wohlbehaglich, als unternähme ich einen Spaziergang in der Lüneburger Heide.

Dieses Wochenende jedoch hatte sich das Getier offensichtlich vorgenommen, mir ein für alle mal deutlich zu machen, dass dies alles ist nur nicht die Lüneburger Heide.

Am Samstag befand ich mich auf einer kleinen Einkaufstour in Bangkok und erfuhr daher von den Ereignissen erst im Nachhinein, bei meiner Heimkehr. Folgendes Drama hatte sich während meiner Abwesenheit abgespielt. Der Neffe meiner Freundin saß entspannt auf der Veranda und beobachtete unsere Hunde, die aufgeregt bellend und knurrend vor einem kleinen Erdloch herumliefen. Da die drei aber bei jeder kleinen Schildkröte ausflippen, dachte er sich nichts weiter dabei.

Plötzlich erblickte er eine Kröte, die leblos vor eben diesem Loch lag. Nun doch neugierig geworden, stocherte er in dem Loch herum und weckte hierdurch eine mehr als einen Meter lange Kobra aus ihrem Mittagsschlaf, die kurz darauf schlecht gelaunt aus ihrem Unterschlupf schlüpfte. Während der Neffe schnell das Weite suchte, entbrannte zwischen den Hunden und der Schlange ein wilder Kampf, welchen erstere schließlich für sich entscheiden konnten. Mit einem beherztem Biss mitten hinein in den Schlangenkörper und ein paar wilden Schleuderbewegungen, beendete Hundedame Kiwi das Duell für sich.

Als ich am nächsten Tag über meinen Unterrichtsvorbereitungen saß, machten die Hunde erneut einen Mordskrach. Von den Ereignissen des Vortages etwas eingeschüchtert, machte ich mich mit massivem Gartenwerkzeug bewaffnet auf, um nachzusehen, was die Köter den dieses Mal entdeckt hätten.

Ich musste einige Meter laufen, bis zu einem der Kanäle am äußeren Ende der Plantage. Dort sah ich die drei wild auf und ab hüpfen und plötzlich entdeckte ich auch den Grund für dieses Spektakel. Umringt von den Hunden kroch ein Waran, in einer Größe, wie ich sie in Thailand noch nicht gesehen hatte. Ohne Übertreibung war dieser Drachen bestimmt zwei Meter lang und hatte einen Kopf mit dem Umfang eines Basketballs.

Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, wie ich mit diesem Ungetüm fertig werden sollte. Als in Deutschland sozialisierter Mensch, fehlt es einem doch etwas an Erfahrungsschatz, im Umgang mit solchen Monstern. Ich schrie den Waran erst mal an, klatsche in die Hände und fuchtelte wenig motiviert mit meiner Waffe herum.

Mein kleiner Kriegstanz schien das Vieh aber ebenso wenig zu beeindrucken, wie das Gebell und Gehüpfe der Hunde. Plötzlich stand der Vater meiner Freundin neben mir und ehe ich mich versehen konnte, hatte er eine Kokosnuss in der Hand und warf sie dem Ungeheuer in einem hohen Bogen direkt auf den Kopf.

Dieser Treffer zeigte sogleich die erhoffte Wirkung und der Waran machte langsam kehrt und lies sich behäbig in den Kanal hinabgleiten. Zurück blieben der Vater, der alte Groswildjäger und ich, mit einer leichten Sehnsucht nach der Lüneburger Heide.

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Ein Drache an der Uni

Als ich neulich an der Silapakorn Universität in Nakhon Pathom verweilte, ein wenig für meine Masterarbeit herumlas und hierbei etwas Zeit vertrödelte, hatte ich plötzlich eine unangenehme Begegnung mit einem Drachen. Ja meine Damen und Herren, Sie haben richtig gelesen, mit einem Drachen. Und dies ist keine unhöfliche Umschreibung für eine pampige Dozentin, die sich über mein klingelndes Handy aufgeregt hätte, vielmehr spreche ich von einem echten, einem lebendigen, ja einem fürchterlichen Drachen.

Das Monster lauerte mir auf meinem Heimweg auf. Ich hatte bereits einen großen Teil des Parks durchquert, der Teil des Universitätsgeländes ist, und war mit meinen Gedanken bereits beim Abendessen. Gegenüber der Uni gibt es ein paar winzige Restaurants, die sich auf Studenten als Kunden spezialisiert haben. Meistens verfügen diese Läden nur über vier bis sechs Tische und sind recht karg eingerichtet, das Essen dort ist aber fantastisch. Bei dem Gedanken an die köstlichen Saté Spieße, die saftigen Rotis und den feurig-scharfen, aber brillanten Apfel-Rindfleisch Salat, beschleunigten meine Füße von ganz alleine ihr Tempo.

Ich war also völlig damit beschäftigt mir das kommende Festmahl vorzustellen und sah daher das Unheil nicht kommen. Wie aus dem Nichts tauchte der Drache mit einem Male aus dem Gebüsch zu meiner Rechten auf und raste in einem waghalsigen Tempo über den kleinen Weg in Richtung des Sees zu meiner Linken. Es ging so schnell, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Mir waren lediglich der etwas längliche, krokodilförmige Körper und der lange, schuppige Schwanz in Erinnerung geblieben. Zudem meinte ich eine wild zuckende Zunge erkannt zu haben. Ein echter Drache eben. Darüber hinaus hatte mich das Untier ganz eindeutig am Bein gestreift, ja um ein Haar hätte es sich in meiner Wade festgebissen. Dies zumindest bildete ich mir in dieser Schrecksekunde ein.

Ein lautes „ach du Scheiße“ konnte ich mir leider nicht verkneifen, so erschrocken war ich von dieser Begegnung. Blöderweise kam mir genau in diesem Moment ein Thai entgegen, der mich irritiert musterte. Ich nickte mit dem Kopf in die Richtung, in welcher der Drache verschwunden war und versuchte ein komplizenhaftes Lächeln anzubringen. Es sollte ausdrücken: Du und ich, wir beide haben gerade was ganz schön unheimliches gesehen, nicht wahr? Diese Gestik und Mimik war ihm anscheinend völlig fremd, denn er ging wortlos und mit deutlich erhöhter Schrittgeschwindigkeit an dem durchgeknalltem „Farang“, also mir, vorüber. Den Drachen musste er auch gesehen haben, doch behandelte er diese Begegnung, als hätten wir gerade eine verdammte Taube in der Innenstadt von Wuppertal gesehen. Der Drache schien ihm furchtbar banal.

Ich hingegen war der Meinung, dass das Geheimnis des Unidrachens unbedingt aufgeklärt werden musste. Ich begab mich also auf eine todesmutige Expedition abseits des sicheren Weges und folgte dem Monster ein wenig in das Dickicht am Ufer des Sees. Beim genaueren Betrachteten des Drachen entpuppte sich das vermeintliche feuerspeiende Ungetüm als gewöhnlicher Waran, wie er in vielen Tümpeln, Seen und Flüssen Thailands vorkommt. Zudem war dies offensichtlich ein Jungtier, noch nicht ausgewachsen und höchstens einen Meter lang. Ich hatte die Viecher schon einige Male gesehen, zum Beispiel im Lumpini Park in Bangkok. Es war mir jetzt ein wenig peinlich, dass dieser kleine Kerl mir so einen großen Schrecken hatte einjagen können. Ihm wiederum schien sein hysterischer Auftritt ebenfalls unangenehm zu sein. Denn nun war er plötzlich sehr aufgeschlossen und stellte sich mir, wie zur Versöhnung, für eine kleine Fotosession zur Verfügung.