Der Jahrtausendsturz – 50 Jahre Ausgrabungen von Ban Chiang

Wir schreiben das Jahr 1966. Steve Young, Sohn des ehemaligen Botschafters der USA in Thailand besucht das kleine Dorf Ban Chiang im Nordosten des Landes. Ziel seines Aufenthaltes ist es Interviews für eine anthropologische Forschungsarbeit an der Harvard Universität mit den Dorfbewohnern durchzuführen. Die Wahl Ban Chiangs – reiner Zufall. Ein jesuitischer Pfarrer hatte ihm diesen Ort empfohlen, weil er dort ein aufgeschlossenes Ehepaar kannte, das gerade ein neues Haus mit einem leerstehendem Raum gebaut hatte.

Eines Tages auf einem Rundgang durch das Dorf, gedankenverloren mit seinem Gastgeber plaudernd, unterläuft Steve Young ein folgenschweres, ein historisches Missgeschick. Er stolpert über die Wurzeln eines Kapokbaumes und landet mit seinem Gesicht im Dreck. Als er seine Augen öffnet, sich etwas Dreck aus dem Gesicht gewischt hat, entdeckt er direkt unter sich das Muster einer Tonscherbe. Plötzlich, für einen winzigen Augenblick, scheint die Zeit stehen zu bleiben. Wie in Zeitlupe analysiert er die Szenerie. Er erkennt, dass die Scherbe keine Lackierung aufweist, was auf ein hohes Alter des Fundes schließen lässt. Gleichzeitig entdeckt er vor seinen Augen viele Unebenheiten im feuchten Boden, die möglicherweise ebenso Fundstücke aus einer früheren Epoche verbergen könnten. Schließlich fällt sein Blick auf eine Gruppe von Kindern, die etwa zehn Meter von ihm entfernt spielen, sie brechen etwas ab, möglicherweise von einem Stein und werfen es gegen eine Mauer. Beim Näherkommen sieht er, dass auch die Kinder Überreste von Keramiken gefunden haben.

Steve Young entscheidet sich einige Stücke mit zurück nach Bangkok zu nehmen und von Experten untersuchen zu lassen. Der Rest ist Geschichte. Die Objekte werden als eminent wertvoll eingeschätzt und führen zu wiederholten umfangreichen archäologischen Ausgrabungen in Ban Chiang, bei denen unzählige Objekte der frühen Bronzezeit entdeckt werden, die bahnbrechende Erkenntnisse über frühe Zivilisationen Südostasien hervorbringen. In der Folge kommt es auch zu wilden Ausgrabungen und Plünderungen, bei denen viele einzigartige Objekte für immer verloren gehen. Später wird inmitten des Dorfes ein Museum errichtet, in welchem viele Objekte ausgestellt und die einzigartige Geschichte der Entdeckung dieses Ortes erzählt wird. Schließlich – im Jahr 1992 – wird Ban Chiang zum UNESCO Welt Kulturerbe erklärt. Der Ort wird zu einem Symbol der Frühgeschichte und zu einem Mythos der Archäologie in Thailand.

Im Mai 2016, 50 Jahre nach seiner folgenschweren Entdeckung, steht Steve Young auf der Bühne eines großen Konferenzraumes in einem Hotel in Udon Thani. Er ist der Ehrengast einer internationalen Konferenz zum 50. Jubiläum der Funde von Ban Chiang. Mithilfe einiger historischer Fotos erläutert Young, wie er seinerzeit durch eine Unachtsamkeit ein Tor durch die Zeit und den Zugang zu einer längst vergangenen Zivilisation entdeckte. Zwar ist einige Fantasie von Nöten, um in dem ergrauten Herrn auf der Bühne den stattlichen jungen Mann auf den Fotos wiederzuerkennen, doch ein Blick in seine Augen zeigt die Bedeutung, die dieser Tag und diese Episode seines Lebens für ihn besitzen. In seiner Stimme schwingen Demut und Stolz zugleich mit, während er von seinem Jahrtausendfund berichtet.

Am letzten Tag der Konferenz machen sich drei Busse gespickt mit Archäologen und Historikern aus aller Welt auf den Weg nach Ban Chiang, um den Ort des Geschehens sowie das Museum zu besuchen. Unter den Archäologen befinden sich einige Wissenschaftler, die selbst bei den unterschiedlichen Ausgrabungen mit beteiligt waren. Hierbei kommt es eindrucksvollen Überlappungen von Gegenwart und Vergangenheit. So steht der inzwischen emeritierte Professor Michael Pietrusewsky vor einem Bild aus dem Jahr 1972, auf dem er als junger Wissenschaftler zu sehen ist, während er in einer archäologischen Ausgrabungsstätte kniend, Schicht um Schicht der Geschichte ihre Geheimnisse entlockt.

Am Ende des Tages, kurz vor dem abschließenden Festessen, führt Steve Young die Delegation zu dem Ort, an dem alles begann. Selbstverständlich hat sich dort in den letzten 50 Jahren einiges verändert. Reisfelder sind Häusern, Matschwege Straßen aus Beton gewichen und auch „der Baum“ steht nicht mehr an der selbigen Stelle. Die beiden Dorfbewohner, die Young seinerzeit in ihrem Haus aufnahmen, leben hingegen noch in der Gegend und haben sich mit Young noch einmal hier versammelt. Offensichtlich gerührt von dieser Begegnung berichten die drei, wie schon so oft in ihrem Leben und wahrlich nicht zum letzten Mal, wie das damals war, mit dem Baum, dem Sturz und den prähistorischen Scherben.

Es ist ein recht pathetischer, wenn auch rührseliger Moment, als Steve Young, auf Wunsch der Gruppe, die damalige Situation nachspielt und sich noch einmal in den nicht mehr vorhandenen Matsch wirft. Es ist die Szene, die sein Leben nachdrücklich verändert und die eine ganze Region nachhaltig geprägt hat. Der historische Sturz des Steven Young.

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