Vertretungsstunde Sport

Wenn ich für gewöhnlich einen Klassenraum betrete, muss ich mich zunächst durch Horden herum tollender Schüler hindurchkämpfen. Habe ich das Pult schließlich erreicht, dauert es mindestens zwei Minuten, bis alle Schüler sich erbarmt haben, zu ihren Plätzen zurückzukehren. Weitere zwei Minuten nehmen dann die Begrüßungszeremonie sowie das zeitlupengleiche Hervorholen der Bücher in Anspruch.

An diesem Donnerstag hingegen war alles anders.

Im Klassenraum einer zweiten Klasse saßen etwa 30 strahlende Kinder, die mich mit großen Augen neugierig und wohlwollend anblickten. Als sie erfuhren, dass ich an diesem Tag die Vertretung ihres Sportlehrers übernehmen würde, brach eine Jubelorgie aus, als wäre Thailand gerade Fußballweltmeister geworden. Ein Schüler ging sogar auf die Knie und vollzog einige Bewegungen, die wohl Anbetungen darstellen sollen.

Dass ich an diesem Tag meine Premiere als Sportlehrer geben würde, hatte ich selbst keine zehn Minuten zuvor erfahren. Ein Kollege hatte sich krank gemeldet, ich zwei Freistunden, also keine Frage: Teacher Felix, bitte übernehmen sie! Keinerlei Erfahrung als Sportlehrer, nicht mal ansatzweise adäquate Sportbekleidung zur Hand und das Thema des Unterrichts nicht in Erfahrung zu bringen – alles kein Problem: „Up to you!“

Da an diesem Tag jedoch die Fußball WM in Brasilien begonnen hatte und ich ein hoffnungsloser Fußballfanatiker bin, fiel es mir nicht sonderlich schwer, den Inhalt der Stunde zu bestimmen. „Zieht euch eure Schuhe an und nehmt ordentlich Wasser mit. Wir gehen kicken!“ Wieder brach ein ohrenbetäubender Jubelsturm aus, der so laut war, dass ich befürchtete, die anderen Lehrer könnten denken, der Deutsche ziehe irgendeine fiese Propagandanummer durch.

Ein paar besonders enthusiastische Jungs in der ersten Reihe sprangen von ihren Sitzen auf, in der Absicht mir um den Hals zu fallen, was ich nur dadurch verhindern konnte, dass ich mir spontan den Ball schnappte und geschwind Richtung Ausgang schritt. Keine fünf Minuten später waren wir an der Sportanlage eingetroffen.

Die Schule verfügt über mehrere Basketballplätze, einen Fußballkäfig sowie ein Fußballfeld, dessen saftig grün glänzender Rasen sich stets in einem fantastischen Zustand befindet. Es war also alles angerichtet für ein ordentliches Match.

Nach einer kurzen Aufwärmphase und der Verteilung der Mannschaften – auf ausdrücklichen Wunsch der Klasse Mädchen gegen Jungs – konnte das Spiel beginnen. Wie ein wilder Bienenschwarm stürzten sich alle Schüler auf den Ball, mehr fielen und stolperten sie, als dass sie rannten. Bald war der Ball nicht mehr zu entdecken, ob der unzählbaren Kinderkörper, die diesen umgaben. Zu sehen war lediglich ein riesiges Schülerknäuel, welches sich mal zehn Meter in die eine und kurz darauf zehn Meter in die andere Richtung bewegte.

Die Mädchen hielten sich sehr tapfer und warfen sich ihren männlichen Klassenkameraden entgegen, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Nach einigen Minuten lichteten sich die Reihen der Damen jedoch merklich. Bald saßen mehr von ihnen neben dem Platz, als auf diesem spielten. Die Jungs konnten die sich nun einstellende Überzahl nutzen und erzielten in kurzer Zeit zwei Tore.

Die Stimmung drohte nun zu kippen, die Mädels schienen die Lust zu verlieren, ein Hauch von Revolution hing in der Luft. Ich entschloss mich also auf Seiten der Mädels in das Spielgeschehen einzugreifen. Ich entledigte mich meiner Krawatte, krempelte die Ärmel hoch und sprintete dem Ball entgegen, was angesichts der rutschigen Anzugsschuhe ein relativ schwieriges Unterfangen war.

Es gelang mir schließlich den Damen zwei Vorlagen zu servieren, welche diese mustergültig zu verwandeln wussten. Dass die Jungs schließlich noch ein weiteres mal einnetzen und somit das Spiel mit 3:2 für sich entscheiden konnten, wog am Ende nicht mehr ganz so schwer. Mit diesem Ergebnis waren beide Seiten zufrieden.

Völlig verschwitzt und abgekämpft kehrten wir nach etwa 30 Minuten wieder ins Klassenzimmer zurück, wo ich den Schülern noch einige Fußball Vokabeln und Anekdoten mit auf den Weg gab.

Nächster Schritt Sportlehrer? Warum eigentlich nicht…

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