Generalprobe vergeigt, die Premiere durchwachsen – Der erste Schultag (mit Schülern)

 

Heißt es in der Welt des Theaters nicht, dass einer wirklich gelungenen Premiere eine total verkorkste Generalprobe vorausgehen sollte?
Dieser Maxime folgend, leistete ich mir ein Paradebeispiel der Peinlichkeiten, noch bevor ich auch nur ein einziges Wort an meine Schüler gerichtet hatte. Um bestmöglich vorbereitet in die ersten Schulstunden zu gehen, lief ich am letzten Tag der Vorbereitung noch einmal das Schulgebäude ab, in der Absicht mir die Nummer der Klassenräume zu notieren, in denen ich meinen Einstand geben würde. Es war bereits nach vier, die Kollegen schon auf dem Heimweg und ich der einzige Lehrer auf weiter Flur. Vor den Räumen standen zwei Putzfrauen, die mir erst freundlich das Raumsystem erklärten, dann aber merkwürdig zu grinsen und kichern anfingen. Als ich mich ein paar Meter entfernt hatte, wurde aus dem Kichern ein regelrechter Lachanfall. Ich schaute an mir herunter und sah, dass mein Hosenstall sperrangelweit offen stand.

Am nächsten Tag traf ich dennoch gut gelaunt, gleichzeitig aber fürchterlich aufgeregt, in der Schule ein. Nun war er tatsächlich gekommen, der erste Tag als Lehrer an einer thailändischen Schule! Um kurz vor acht versammelten sich alle Schüler und Lehrer auf dem Vorplatz der Schule. Nachdem die Fahne gehisst, die Hymne gesungen und ein Gebet gesprochen worden war, kehrten die Lehrer völlig verschwitzt in das auf 17 Grad künstlich heruntergekühlte Lehrerzimmer zurück, während die Schüler noch ein wenig marschierten. Doch bald darauf strömten die Massen zurück ins Schulgebäude. Ein unmissverständliches Signal, dass es jetzt losgehen sollte.

Kurz darauf stand ich dann auch im Klassenraum einer neunten Klasse, vor mir 35 Teenageraugenpaare, die mich fragend bis irritiert anblickten. Nach einer gefühlten Ewigkeit begrüßten mich die Schüler schließlich im Chor: „Good morning, teacher Felix“. Ich hätte darauf antworten sollen: „Good morning, class, how are you today“? Hierauf hätten sie wiederum gesagt, dass es ihnen blendend ginge und sich nach meinem Zustand erkundigt. Das ganz normale Prozedere am Anfang jeder Stunde eben. Leider war mir dieses Ritual noch nicht geläufig, weshalb ich mindestens genauso verwirrt schaute wie die Schüler.

Irgendwann war jedoch auch dieses Missverständnis behoben und ich konnte beginnen. Meinem Plan folgend, stellte ich mich kurz vor und bat die Schüler anschließend, mir dieses gleich zu tun. Hierbei sollten sie mir ihren Namen mitteilen sowie etwas aufzählen, was sie mochten und etwas, was sie nicht ausstehen könnten. Während die wissbegierigen Mädels in den ersten Reihen motiviert loslegten, entglitt mir der Rest der Klasse zunehmend. Sie kannten sich doch untereinander bereits und fanden es viel spannender durch die Klasse zu hüpfen und sich laut schreiend und lachend von ihren Ferienerlebnissen zu berichten.

Ein Schüler, der seine ersten Barthaare stolz als Schnäuzer zur Schau stellte, fiel hierbei besonders unangenehm auf. Nachdem ich ihn bereits dreimal ermahnt hatte und er immer noch nicht zur Ruhe kommen wollte, bat ich ihn zu mir nach vorne und forderte ihn auf, sich mir nun vorzustellen. Er sagte: „My name is Felix, I like Felix, I don’t like Felix” und lachte dabei schelmisch über seinen gelungen Streich. Nach dem drittem mal Nachfragen erbarmte er sich schließlich doch und teilte mir seinen Namen mit. Selbstredend habe ich mir diesen jungen Mann im Geiste als potentiellen Musterschüler vorgemerkt.

Diese vermaledeite Vorstellungsrunde erwies sich je länger sie dauerte als ein ziemliches Eigentor. Quälend lange suchten die Schüler nach Antworten auf meine ach so komplizierten Fragen, welche ich dann zumeist kaum verstehen konnte, hatte doch der Lärmpegel im Klassenraum inzwischen Düsenjäger Qualitäten angenommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir schließlich in der letzten Reihe angekommen und ich war gerade dabei, die Hoffnung wieder zu gewinnen, doch noch zumindest etwas thematisch einsteigen zu können, da stand plötzlich eine Lehrerin in der Tür und erklärte knapp, dass die Klasse jetzt zu einer Ansprache der Direktorin müsse und die Stunde nun beendet sei. Es verging keine Minute und ich stand alleine im Klassenraum. Ich fühlte mich wie ein miserabler Circusclown, dem die Zuschauer abhanden gekommen waren.

Zwei Stunden später versuchte ich mein Glück, meine vorbereiteten Spiele und Inhalte erneut aus, dieses mal an einer achten Klasse. Zwar durfte ich nun die komplette Unterrichtszeit im Klassenraum verweilen, doch gestaltete sich die Zeit in diesem so chaotisch, unbefriedigend und vor allem ohrenbetäubend laut, dass ich bereits 5 Minuten vor dem eigentlichen Ende die Segel strich und zurück ins eisige Lehrerzimmer schlich.

Nun völlig desillusioniert und innerlich schon den Koffer für die Rückreise nach Deutschland packend, beschloss ich mir und den Schülern noch einen einzigen, einen letzten Versuch zu gönnen. Danach könnte ich das Experiment als Lehrer immer noch als gut gemeinten, jedoch völlig gescheiterten Versuch abbrechen.

Meinem Unterrichtsplan, der sich in den letzten Tagen beinahe stündlich verändert hatte, konnte ich entnehmen, dass ich nun eine siebte Klasse unterrichten sollte. Mit dem Mut der Verzweiflung betrat ich den Klassenraum voller Schwung und begann mein inzwischen etwas modifiziertes Vorstellungsprozedere abzuspulen. Anschließend stieg ich nahtlos in den Unterrichtstoff ein. Zu meiner völligen Verwunderung war diese Klasse sehr ruhig, freundlich, aufgeschlossen und arbeitsfreudig. Ich vermutete einen Trick, eine Falle oder zumindest eine irgendwo versteckte Kamera, doch die Schüler verhielten sich die ganze Stunde über völlig zauberhaft und nahmen es mir noch nicht einmal Übel, dass ich ihnen in meiner Unkenntnis ihre fünfzehn minütige Pause stibitzt hatte.

Nach sage und schreibe 65 Minuten Unterricht verabschiedeten sie mich freundlich und ich ging dann doch mit einem relativ guten Gefühl nach Hause. So konnte das Unterrichten also auch sein. Darauf ließe sich aufbauen…

 

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