Der Hölle entkommen. Vier Stunden in Pattaya…

Pattaya – ein „Badeort“ an der Ostküste des Golfs von Thailand, Sündenpuhl und Kristallisationspunkt aller verbreiteten Thailand Klischees. Wo vor 50 Jahren nicht mehr als ein paar kleine Fischerhüten standen, hat sich Dank amerikanischer GIs, außer Kontrolle geratenem Massentourismus und den locker sitzenden Geldbeuteln einsamer westlicher „Touristen“ ein Moloch herausgebildet, gegen das Sodom und Gomorrha wie verschlafene kleine Dörfer in der niederbayerischen Provinz erscheinen.

Für gewöhnlich bringen mich keine sieben weißen Elefanten in diese Stadt. Doch dieses Mal ließ es sich leider nicht vermeiden.

Doch der Reihe nach.

Am Anfang dieser Geschichte stand der Wunsch nach drei erholsamen Tagen am Meer. Wenn man für solche Kurzreisen Flüge ausschließt und nicht die Hälfte der Zeit in Reisebussen verbringen möchte, bieten sich, von Bangkok ausgehend, vor allem die Inseln im Golf von Thailand an. Besonders zu empfehlen sind hier kleinere Inseln an der Grenze zu Kambodscha, wie Koh Kood oder Koh Mak. Diese sind noch nicht ganz so sehr so von Touristen bevölkert wie Koh Chang, Koh Samui oder Koh Tao und bieten doch ein ansprechendes Postkarten Ambiente und alle Voraussetzungen, um ordentlich auszuspannen.

Also, Koh Mak sollte es sein. Die Fähre dorthin erreicht man von der kleinen Stadt Trat aus, in die man wiederum entspannt mit dem Nachtbus gelangt. Eigentlich eine sehr unkomplizierte Reise, die ich genauso schon einige Mal unternommen habe. Eigentlich, denn dieses Mal war alles anders.

Als ich frohen Mutes und voller Vorfreude am Ekamai Busbahnhof ankam, traf mich die Hiobsbotschaft wie ein Schlag: ausgebucht, der Bus nach Trat war voll! Nachdem ich diese schlechte Nachricht einigermaßen verdaut hatte, ging ich gemeinsam mit der sehr netten Dame vom Schalter meine Optionen durch. Diese waren eher mittelprächtig. Ich könnte am nächsten morgen den ersten Bus nehmen und dann nach Trat fahren, wodurch ich aber einen halben Tag auf der Insel verloren hätte. Die andere Option bestand darin, nach Pattaya zu fahren und dort, mit viel Glück, einen Bus nach Rayong zu bekommen, von wo es nach Trat nicht mehr weit war.

Ich entschied mich für letzteres und stand drei Stunden später, pünktlich um Mitternacht, auf einem verlassenem Busbahnhof am Rande Pattayas. Außer ein paar offensichtlich sehr müden Motorradfahrern und drei Sextouristen, die sich endlich am Ziel ihrer Träume wähnten, war hier keine Menschenseele. Nach einigem Insistieren meinerseits, erklärten sich die Motorradfahrer bereit, mich zu einem Highway zu fahren, den der Bus nach Rayong ihrer Meinung nach kreuzen müsste.

Ihren Freundschaftsdienst ließen sie sich ordentlich vergüten und brachten mich zu einer verlassenen Bushaltestelle. Verlassen, war nicht ganz korrekt. Hier warteten noch zwei weitere Gestrandete. Eine leicht bekleidete Prostituierte, die offensichtlich ihre besten Jahre schon etwas länger hinter sich hatte und ein verwirrt aussehender Mann, dessen schielenden Augen hinter einer dicken Hornbrille verborgen waren. Der Mann wartete auch auf den Bus, die Frau auf Kunden, weshalb unser dynamisches Trio nach etwa dreißig Minuten wieder gesprengt wurde.

Der Mann entpuppte sich trotz seines nervösen Erscheinungsbildes aber als mehr oder minder zurechnungsfähig. Er versicherte mir, dass dies der richtige Highway sei und dass der Bus hier vorbeifahren würde. Ein Bus käme um 1 Uhr, in einer halben Stunde, der nächste dann um 4. Der gute Mann sollte recht behalten. Um 1 Uhr kam in der Tat ein Bus, nur machte dieser keinerlei Anstalten anzuhalten. Hinter dem Bus herlaufend, wild schreiend und gestikulierend, konnte ich erkennen, dass dieser in etwa 500 Meter Entfernung kurz anhielt und sich dann davon machte.

Trotz dieses erneuten Rückschlags war ich nicht vollends verzweifelt, war doch nun sicher, dass ein Ausweg bestand. Nur weitere drei Stunden und ich könnte der Hölle Pattaya entkommen. Ich war also dem Strand nicht mehr allzu fern. Beinahe konnte ich das Meerwasser schon riechen.

Was ich aktuell roch, war aber vor allem Urin. Denn bei dem Ort, an dem der Bus wirklich gehalten hatte, handelte es sich um einen heruntergekommenen kleinen Busbahnhof. Trotz des wenig einladenden Ambientes, schlugen mein treuer, neuer Kumpel und ich hier unser Lager auf. Ich entschied mich für einen verwaisten Schreibtisch, an dem tagsüber wahrscheinlich Fahrkarten verkauft wurden, da dieser noch nicht als Toilette missbraucht worden war.

Ich öffnete ein Bier, dass ich bei einem 7 Eleven auf dem Weg erstanden hatte, machte mir etwas Musik an und begann gerade meine Situation einigermaßen erträglich zu finden, als plötzlich ein Motorrad vor dem Busbahnhof hielt. Auf diesem befanden sich zwei aufgetakelte Gatoeys (Ladyboys) sowie eine etwas abwesend wirkende Frau. Ich schaute krampfhaft in eine andere Richtung und hoffte, dass sie mich nicht beachten würden. Doch aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass eine der „Damen“ mit langen Schritten, o-beinig auf mich zu getorkelt kam.

Ich befürchtete schon das Schlimmste, denn die Gatoeys haben in Pattaya, vor allem nachts, einen sehr zweifelhaften Ruf. Diese Beiden waren aber eigentlich recht freundlich. Da ich mein Lager am Schreibtisch aufgeschlagen hatte, hielten sie mich für eine offizielle Person, die ihnen Auskunft über den Busfahrplan geben könnte. Sie wollten nämlich die Frau nach Hause bringen, die wohl in eine Kneipenschlägerei geraten war. Da ich nun aber wirklich die letzte Person war, die zuverlässige Informationen über Busse geben konnte, fuhren sie kurz darauf weiter.

Etwa eine Stunde später hielt ein Pick-Up vor meinem neuen zu Hause. Die Tür ging auf und heraus fiel ein übergewichtiger und sturzbetrunkener Mitteleuropäer, der diesen Ort für eine Kneipe hielt, denn er bestellte ein Bier. Da ich ihm hierbei weder weiterhelfen konnte noch wollte, stieg er wieder in den Wagen und fuhr in Schlangenlinien davon.

Eine weitere Stunde später war ich gerade in Richtung des 7 Elevens unterwegs, um etwas Essen und ein neues Bier zu kaufen, als ich plötzlich in der Ferne einen Bus kommen sah. Als dieser näher kam, erkannte ich, dass dieser nach Rayong fuhr. Ich lief so schnell ich konnte zu meinem Lager zurück und weckte meinen Reisegefährten. Gemeinsam erreichten wir im letzten Moment den Bus. Völlig außer Atem und erschöpft ließ ich mich in meinen Sitz fallen. Hinter mir lag Sodom und Gomorrha, vor mir drei entspannte Tage an einem einsamen Traumstrand.

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