On the road again…

 „Ja! Da sitz‘ ich wieder im Speisewagen der Eisenbahn und kann leise ahnen, dass die hier nich‘ an Preisen sparen.“ (Eins Zwo: Unschuld vom Lande. Zwei, 2001)

 Ja, da sitze ich wieder. In der Eisenbahn, in Richtung des Frankfurter Flughafens. Nicht im Speisewagen, weil die dort, wie der feine Herr Dendemann es schon so treffend gesagt hat, wirklich nicht an Preisen sparen. Und wahnsinnig gut schmecken tut es dort nun auch wieder nicht. Bei meinem letzten Besuch im „Bordrestaurant“, bestellte ich Nürnberger Rostbratwürstchen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei. Man servierte mir einen Klumpen Kartoffelmatsche, für die sich jede Maggi fix Packung schämen würde, etwas fades Sauerkraut sowie sechs Würstchen, die in Geschmack, Aussehen und Konsistenz eher an Salzstangen erinnerten. Nun gut. Schimpfen wir nicht auf die Deutsche Bahn. Die armen Herrschaften haben schon genug damit zu tun, den Mainzer Hauptbahnhof am laufen zu halten und die Hexenwerke namens Klimaanlagen zu bedienen – da kann man nicht auch noch von ihnen verlangen, genießbares Essen zuzubereiten. Aber Obacht, wir schweifen ab.

Ich befinde mich auf dem Weg nach Bangkok, wo mich ein erneuter mehrmonatiger Aufenthalt erwartet. Vor mir liegen spannende Abenteuer und tiefpeinliche Schlamassel. Darauf hoffe ich zumindest. Doch zunächst muss ich mich am Frankfurter Flughafen zurechtfinden, was mir trotz etlicher vorheriger Reisen nicht auf Anhieb gelingen will. Nach einigem Suchen sitze ich schließlich doch noch am richtigen Gate und warte darauf, dass es endlich losgehen kann.

Wie so oft habe ich mich wieder einmal für eine arabische Fluglinie entschieden. Neben ihren guten Preisen, dem höflichen und professionellem Bordpersonal, überzeugt mich dort ganz besonders das Unterhaltungsprogramm. Der in den Vordersitz eingelassene Bildschirm, verfügt zumeist über eine erlesene Auswahl an aktuellen Hollywood Blockbustern, welche die zweimal sechs Stunden wie im Fluge vergehen lassen. Zudem weiß ich aus vertraulichen Quellen, dass diese Airline mit ihren Maschinen recht pfleglich umgeht und bei der Wartung dieser besonders gründlich ist.

Meine Mitreisenden hier sind für gewöhnlich sehr heterogen, was Herkunft, Alter und Grund der Reise angeht. Dort finden sich arabische Großfamilien, die gerne und unbedingt beieinander sitzen möchten und kein wirkliches Verständnis für Sitzordnungen oder Sicherheitsvorkehrungen offenbaren, Rucksackreisende auf dem Weg nach Asien oder Australien sowie die obligatorischen, meistens auffallend schlecht gekleideten Sextouristen.

Dieses Mal ist alles anders. Am Gate haben sich beinahe ausschließlich junge, deutsche Weltreisende versammelt, die sich auf dem Weg nach Australien und Neuseeland befinden. Wie ich ihren aufgeregten wie stolzen Gesprächen entnehmen kann, haben sie verschiedene Pläne und Reiseziele, doch sie alle eint die Neugier und die Vorfreude auf das Abenteuer. Was ja eigentlich legitim und nachvollziehbar ist, entpuppt sich mit der Zeit doch als sehr nervend, da einige, ganz erregt ob der kommenden Zeit in der Fremde, ihren Gesprächspartnern sehr laut, beinahe schreiend ihre Hoffnungen, Träume und Erwartungen ins Ohr brüllen. Viele von ihnen tragen ein uniformiertes blaues Hemd, umeinander auch in der großen weiten Welt – dem Frankfurter Flughafen – noch erkennen zu können und um gleichzeitig allen Außenstehenden das Ziel und die Mission der Reise deutlich zu machen. Word Travel!!!

Diese schieren Mengen an Australienreisenden verblüffen mich doch etwas. Ich hatte angenommen, dass der ganz große Hype hier abgenommen hätte. Zumal ich einmal ein Gespräch aufgeschnappt habe, wonach Indien oder Südostasien das neue Australien seien. Doch diese Vielzahl an reisewütigen jungen Menschen lässt eher vermuten, dass Australien das neue Australien ist. Mich erinnert diese Gruppe traumatisch an längst vergangene und verdrängte Jugendreisenzeiten, in denen ich in engen und stickigen Reisebussen in Richtung Südeuropa unterwegs war. Ich war ihnen dann doch sehr dankbar, dass sie nicht anfingen zu singen oder einen „Clubtanz“ vorzuführen. Im Flugzeug saß ich dann aber neben einem sehr netten russischen Paar und war dem Trubel somit fürs erste entkommen.

Auf solchen Reisen entwickelt wohl jeder mit der Zeit gewisse Rituale und Gewohnheiten. Zum festen Bestandteil meines Flugverhaltens gehört es, unbedingt einen Gin Tonic zu bestellen. Und da bin ich knallhart, auch zu mir selbst. Uhrzeit, Gesundheitszustand, Gemütslage – spielt alles keine Rolle. Bestellte ich auf solch einer Reise keinen Gin Tonic, es fehlte mir etwas Fundamentales. Ich habe einmal den Fehler gemacht und einen Campari Orange bestellt. Ich hatte an diesem Getränk keine wirkliche Freude, denn während des Verzehrs machte sich in mir ein hartnäckiges und penetrantes Gefühl breit: Hier stimmt etwas nicht. Du hast das falsche Getränk bestellt. Das kann keine gute Reise werden mit diesem Gesöff. Wirf es weg. Jetzt.

Also, keine Experimente und auch dieses Mal wieder selbstredend einen Gin Tonic zum Essen bestellt. Der freundliche Steward irritiert mich aber etwas mit seiner frage, ob ich nicht gleich einen doppelten Gin bestellen wolle. Ich zögere einen Augenblick. War dies nun ein nettes und höfliches Angebot oder eine Frechheit, weil er mich für einen hartnäckigen Trunkenbold hielt. Ich lasse mich aber rasch überzeugen und stelle fest, ein doppelter Gin ist doppelt so gut und macht auch Bruce Willis im Bordprogramm noch erträglicher.

Beim Umstieg in Dubai sehe ich die Australienreisenden nur noch kurz. Ihre schönen blauen Hemden sind ein wenig zerknittert und verschwitzt. Dennoch machen sie sich zielstrebig in Richtung des Duty-free Bereiches auf. Man muss ja gut ausgerüstet sein auf solch einer Reise. Ich nutze den kurzen Aufenthalt dazu, die ersten Reiseindrücke mit Hilfe des im Handgepäck transportierten Computers festzuhalten. Während ich da so vor mich hin tippe, registriere ich aus dem Augenwinkel, dass sich vor mir zwei kleine Männer aufgebaut haben und leise zu tuscheln beginnen. Beim genaueren Hinsehen stelle ich fest, dass dies keine dem Gin zu zuschreibende Sinnestäuschung ist. Da stehen wirklich zwei ältere Inder und reden. Offensichtlich über mich, den sie hören auf, als ich sie angucke. Daraufhin zeigen sie mir ein breites, aber schüchternes Lächeln und erklären, dass sie mein kleines Netbook so faszinierend fänden. In Indien hätte sie riesige Bildschirme und kleine Tasten, bei mir sei es genau umgekehrt. Es entwickelt sie in der Folge ein kurzweiliges Gespräch, in welchem mir die Herren die Auswirkung traditioneller indischer Musik auf den menschlichen Körper schildern. Vertieft in diese Konversation, verpassen die beiden beinahe ihren Flug nach Delhi. Auch für mich ist es Zeit. Bangkok ruft, beziehungsweise eher die etwas nervige und quäkige Stimme aus dem Lautsprecher.

Der Flug nach Bangkok verläuft dann wenig spektakulär. Ein paar Filmchen, zwei Gin und ein Schläfchen später, erreichen wir, beinahe pünktlich, den Flughafen der thailändischen Hauptstadt. Ich mache mich auf den Weg zur Passkontrolle und später auf in die Stadt, zu neuen Ufern und Abenteuern. Herr Dendemann, sie übernehmen das Schlusswort:

„Ich weiss, woher ich komm‘, wohin ich geh‘ und wo ich bin! Hab‘ sonst nix weiter im Sinn, mach‘ mein eigenes Ding!“ (Eins Zwo: Unschuld vom Lande. Zwei, 2001)

Eine Antwort

  1. An dieser Stelle ist meines Erachtens eine kleine Anmerkung notwendig. Mir ist die Perversität der Unternehmung Langstreckenflug durchaus bewusst.

    Von der Bankenmetropole Frankfurt ausgehend mache ich einen kurzen Halt im Ölwahnsinn von Dubai und lande schlussendlich im Urlaubsparadies Thailand. In hermetisch abgeriegelten Luxus-Parallelwelten werde ich mehr oder weniger bequem über die Kontinente chauffiert und gleichzeitig rauschen unter mir Länder wie Syrien, Afghanistan oder Bangladesch vorbei, ohne dass ich davon in irgendeiner Weise Kenntnis von nehme. Während ich hoch oben in der Luft, Gin Tonic trinkend, mich von „Stirb langsam“, „Ein Quantum Trost“ und „Krieg der Welten“ unterhalten lasse, sind diese geschmacklosen Filmtitel einige tausend Fuß unter mir traurige Realität. Während es sich bei meinen größten Problemen um lauwarmes Essen, fehlenden Schlaf und stinkende Sitznachbarn handelt, kämpfen in den Ländern, die ich überfliege, Menschen mit dem Hungertod, sind Vertreibung, Flucht und Folter ausgesetzt.

    Sicher, durch einen kurzen Gutmenschkommentar wird die Welt in keiner Weise verändert, aber etwas Demut und Bewusstsein der eigenen Privilegiertheit sollte doch nicht zu viel verlangt sein.

    Felix

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